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Rückschau 2023-2026

Die kammermusikalische Reise geht weiter


In den letzten drei Jahren habe ich wieder eine Reihe von Kammermusikstücken komponiert, vom Solo bis zum Sextett. Manches geht auf teils langjährige musikalische Kontakte zurück, manches entstand aufgrund neu gewonnener Verbindungen. Im Folgenden möchte ich über die Entstehung und die Realisierung – soweit sie schon stattgefunden hat – berichten.

Für einen meiner ältesten Weggefährten schrieb ich eine kurze Hommage: Zehn Deka Sternenstaub, bitte! – Ein dekaphonisches Prélude für Christian Heindl zur Feier seines 60. Geburtstags (2023) wurde vom gegenwärtigen Programmchef der Alten Schmiede, Alejandro del Valle-Latanzio, angeregt und erklang erstmals bei einem Geburtstagskonzert für den Jubilar – zusammen mit einigen anderen, eigens für den Anlass komponierten Miniaturen. Christian war in den 1990er-Jahren Programmgestalter der Alten Schmiede und half mir sehr bei meinen ersten Schritten in die Öffentlichkeit. Dafür bin ich ihm dankbar. Er ist überdies ein großer Kenner der zeitgenössischen österreichischen Komponist:innenszene, was auch die Vielzahl der Uraufführungen an diesem Abend belegt.

Ich befürchtete, wegen der Initialen des Widmungsträgers, eine Vielzahl von Fantasien oder Variationen mit den Notennamen c und h, deshalb kommen in meinem Stück genau diese beiden Töne nicht vor, und so wird es zu einem „dekaphonischen“ Werk. Ivan Buffa hat den gewünschten Sternenstaub mit Feinsinn und Humor interpretiert

Mit dem Wiener Concert-Verein bin ich nun schon mehrere Jahre verbunden. Für eines seiner Zeitklang im Museum – Konzerte, welche der WCV jedes Jahr zur Festspielzeit im Bregenzer Vorarlberg Museum veranstaltet, schrieb ich 2024 Januskopf für zwei Violinen und Harfe. Das etwa fünfminütige Stück kontrastiert – dem Titel entsprechend – zwei gegensätzliche musikalische Welten, die aus demselben Material geformt sind. Die sanfte, glatte, „tonale“ Sphäre steht der rauen, geräuschhaften, „atonalen“ Sphäre gegenüber. Die Uraufführung erfolgte durch drei Musikerinnen des WCV (Hyewon Lim, Anastasija Maximov, V; Leonor Maia, Hrf), die beide musikalischen Welten überzeugend zu interpretieren wussten.

Dazu schrieb Silvia Thurner in der online-Ausgabe der Zeitschrift KULTUR:

Die Atmosphäre im Atrium des vorarlberg museum bot gute Voraussetzungen für die Uraufführung des neuesten Werkes von Michael Amann. Der Titel „Januskopf“ bezeichnete eine musikalische Polarität, die seit Jahrhunderten die Musikgeschichte bestimmt. Zuerst zelebrierten die Violinistinnen Hyewon Lim und Anastasija Maximov sowie die Harfenistin Leonor Maia einen fein schwebenden Duktus, mit kleinen, in den Raum gesendeten Gesten. Diese wurden mit abrupten Einwürfen konfrontiert, die die bestehende innere Ordnung aufbrachen. Etwas unvermittelt endete das feinsinnige Werk, eine weitere Verarbeitung der vorgestellten Gedankenwelten wäre willkommen gewesen.

www.kulturzeitschrift.at/kritiken/nicht-aus-der-haut-gefahren-aber-aus-sich-heraus-gegangen

Die Harfenistin des Trios, Leonor Maia, regte nach der Uraufführung ein Werk für Flöte und Harfe an, das ich bald mit großer Freude begann und im Spätherbst 2024 fertigstellte. Ich schickte der Harfenistin die Partitur von Moorlandschaft mit Libelle, habe aber leider keine Rückmeldung bekommen. So harrt das fertige Stück noch der Uraufführung. Was die Kommunikation unterbrochen hat, ist mir nicht klar – manche Dinge „versickern“ einfach und nicht jede Partitur wird sofort klanglich umgesetzt und der Öffentlichkeit präsentiert.

Die Winterfanfare ist ein kurzes Stück, das ich im Dezember 2024 verfasste und das im Jänner 2025 vom Wiener Concert-Verein uraufgeführt wurde. Ich selbst erlebte das eher dunkel getönte Stücke im Rahmen eines Jahreskonzertes einer chinesischen Musikschule deplatziert: Artig herausgeputzte Kinder und Jugendliche gaben Musikstücke unterschiedlichen Schwierigkeitsgrades und unterschiedlicher Bekanntheit zum Besten. Einige Titel waren deutlich nationalistisch gefärbt, sodass ich mich nicht recht wohl fühlte und auch mein Stück, das als musikalischer Gruß eines österreichischen Komponisten gedacht war, wenig Anklang fand.

Ein weit erfreulicherer Auftrag des WCV war die Anregung zur Komposition von Flusslandschaft mit Inseln für 2 Violinen, Bratsche, Cello und Kontrabass. Das Feldkircher Festival für Neue Musik „Schallwende“ steht in diesem Jahr unter dem von Mira Weihs konzipierten Thema „stromaufwärts ≈ frutz ≈ ill ≈ frödisch“.

Dieses Thema hat Erinnerungen an meine Jugend wachgerufen, als ich mich manchmal allein oder mit Freunden an der Frutz aufgehalten habe. Bei normalem Wasserstand entstanden unterhalb der Wasserfälle kleine Tümpel, die zum Baden einluden. Besonders bei Niedrigwasser wurden in der Mitte des Flusses immer wieder kleine Schotterinseln sichtbar.

Diese Bilder habe ich in Musik umzusetzen versucht: Auf der einen Seite das stetig dahinfließende Wasser, sowohl wandelbar als auch gleichbleibend, und andererseits - als Kontrast zum Flüssigen - feste, erdgebundene Inseln, die den Fluss unterbrechen. 

Die Besetzung habe ich mit Mira Weihs besprochen. Das Ungewöhnliche und reizvolle an diesem Quintett ist es ja, dass zum Streichquartett nicht eine zweite Bratsche oder ein zweites Cello, sondern ein Kontrabass dazukommt. Somit entsteht eine Art „solistischer Orchestersatz“. Der Kontrabass erweitert den Umfang nach unten, bringt aber auch im mittleren und hohen Register eine neue, zusätzliche Klangfarbe in den Streichersatz. Beides habe ich in meiner Komposition berücksichtigt.

Mit Freude und Spannung sehe ich der Uraufführung, die für den 18. September in Feldkirch geplant ist, entgegen.

Mit dem ensemble plus gab es in diesem Jahr mit der Uraufführung des Fünften Streichquartetts (2025) eine nach der Produktion der Nachtschattengewächse (2021) eine weitere erfreuliche Zusammenarbeit. Für das Programmheft verfasste ich die nachfolgenden Zeilen.

 Ich wurde in meiner kompositorischen Lehrzeit sehr stark von einem Umfeld geprägt, in dem „Modernität“ und „Fortschritt“ eine wichtige Motivation war. Dementsprechend habe ich lange Zeit versucht, „zeitgenössischen“ und „progressiven“ Klangvorstellungen gerecht zu werden.

Im Lauf der letzten Jahre hat sich mein Zugang verändert. Ich habe wieder mehr traditionelle Musikstücke des 18., 19. und frühen 20. Jahrhunderts gehört und mich auch wieder mit ihren Klangbildern beschäftigt.

Das vorliegende fünfsätzige Streichquartett reflektiert diesen neuen wie alten Zugang: Ich habe wieder mit mehr Konsonanzen und milden Dissonanzen komponiert und in jedem der Sätze taucht eine musikalische Erinnerung in Form eines kurzen tonalen Klangschnipsels auf. Mein Bestreben war es, diese Reminiszenzen nicht plump und vorhersehbar, sondern feinsinnig und überraschend einzufügen, sodass sie mit „meiner“ Musik zu einer Einheit verschmelzen.

Die Uraufführung am 17. Juli in Schloss Hofen und eine Folgeaufführung am 18. Juli haben beim Publikum Anklang gefunden und ich habe auch von den Interpret*innen (Michaela Girardi und Anita Martinek V, Guy Speyers, Vla und Jessica Kuhn, Vc) einige positive Rückmeldungen bekommen, was mich immer besonders freut.

Auch zu diesem Konzert, das neben meinem Stück Werke von Gerold Amann und György Kurtág vorstellte, schrieb Silvia Thurner dankenswerterweise eine Rezension in der online-Ausgabe der Zeitschrift KULTUR:

Im Auftrag des Ensemble Plus komponierte Michael Amann sein fünftes Streichquartett, das in Schloss Hofen uraufgeführt wurde. Das fünfsätzige Werk wurde mit flirrenden Gesten eingeleitet, die einen suchenden Charakter ausstrahlten. Orientierung bot ein feiner Flageolettton im Violoncello. Allmählich kristallisierten die Musiker:innen eine aufstrebende Floskel heraus, die im Laufe des gesamten Werkes eine bedeutende Rolle einnahm. Der Komponist setzte sie als Referenz an die tonale Tradition ein und verlieh ihr unterschiedliche Aussagequalitäten. Im dritten Abschnitt entfaltete sich ein spannendes Spiel aus Motivfragmenten, die sich zu formieren versuchten, jedoch unmittelbar wieder verklangen. Auf diese Weise entstand ein zwingender musikalischer Duktus, der den Versuch, einen organischen Energiefluss in Gang zu setzen, eindrucksvoll widerspiegelte. Die eher fahle Tongebung der ineinander verzahnten Korrespondenzen zwischen den Stimmen verstärkte diesen Eindruck zusätzlich.
Einen vorwärtsstrebenden Drive entwickelte das Streichquartett im vierten Teil, in dem die charakteristische aufstrebende Geste mit zunehmendem Volumen an die Klangoberfläche gespült wurde. Eine eruptive driftende Fläche mit kurzen Kraftausbrüchen zeichnete den Finalsatz aus. Fragen ließen die Schlusspassage sowie der zweite Satz offen. Diesen verfasste Michael Amann in einem romantisch anmutenden, pastoralen Ton.

https://www.kulturzeitschrift.at/kritiken/erinnerung-und-gegenwart-an-einem-kraftvollen-ort

Ich bedanke mich sehr herzlich bei den Musiker*innen für die schöne Interpretation und hoffe auf weitere Begegnungen mit diesem hochkarätigen Ensemble.

Auch mit dem ensemble reconsil verbinden mich nun schon einige musikalische Begegnungen und ich war hocherfreut, als ich von meinem Freund und Kollegen Norbert Sterk die Einladung bekam, für ein Konzert im Oktober 2026 ein Sextett zu komponieren. Der verbindende Hintergrund für diesen Abend sind die Bilder von Elisabeth Holzer. Mehrere Komponist*innen wurden gebeten, ein oder mehrere Bilder auszuwählen und zu ihnen Musik zu komponieren. Während des Konzertes werden diese Bilder dann projiziert werden, damit sich die synästhetische Wirkung der Bild-Ton-Kombination entfalten kann.

Da ich schon länger die Idee mit mir herumtrug, ein längeres Stück als Reihe von Miniaturen zu schreiben, suchte ich zehn Bilder der Künstlerin aus und ließ mich von der Form, den Farben und der Dynamik jedes einzelnen Bildes inspirieren. So entstand der zehnteilige Zyklus Im Eissalon der Schneekönigin (2025/26). Die Titel der Miniaturen sind meiner Fantasie entsprungen, beziehen sich aber alle auch Elisabeths Bilder: I – Im Eissalon der Schneekönigin, II – Marmorfrühling, III – Farbige Schatten, IV – Die Kristallkugel des Magiers, V – Ackerbrache, VI – Flirren - Schwirren - Flimmern - Schimmern, VII - Kaskade - Perlende Flut, VIII – Stelzentanz, IX - Poppies in Octoberund X – Sternenreise (in zwei Versionen).

Herzlichen Dank an Elisabeth für die inspirierenden Bilder. Ich sehe der Uraufführung im Oktober mit Freude entgegen und hoffe stark, dass sich der gewünschte synästhetische Effekt einstellen wird. Ich freue mich auch auf das Wiedersehen und die Zusammenarbeit mit den Musiker*innen des ensemble reconsil, welches sich in den letzten Jahren in der Neuen-Musik-Szene Österreichs einen namhaften Ruf erarbeitet hat.

Die für die Uraufführung von Im Eissalon der Schneekönigin angefragte Dirigentin Antanina Kalechyts ist auch Mitglied des Vokalquinetts Graces and Voices (fünf Frauenstimmen). Im Jahr 2024 bat sie mich, ein Stück für ihr Ensemble zu komponieren und schlug mir als Text eine Passage aus dem Hohelied (Hld 2, 12-13) vor. Hier ist der lateinische Text, den ich vertont habe, und die deutsche Übersetzung:

12 Flores apparuerunt in terra nostra; tempus putationis advenit: vox turturis audita est in terra nostra;13 ficus protulit grossos suos; vineae florentes dederunt odorem suum. Surge, amica mea, speciosa mea, et veni:

https://www.biblegateway.com/passage/?search=Canticum%20Canticorum%202&version=VULGATE

12 Die Blumen sind hervorgekommen im Lande, der Lenz ist herbeigekommen, und die Turteltaube lässt sich hören in unserm Lande. 13 Der Feigenbaum lässt Früchte reifen, und die Weinstöcke blühen und duften. Steh auf, meine Freundin, und komm, meine Schöne, komm her! 

https://www.bibleserver.com/LUT/Hoheslied2

Graces and Voices (Antanina Kalechyts, Aliona Pietrowskaja, Jasmin Vorhauser, Laine Tabora, Andria Čepaité) haben Flores apparuerunt (2024) bei der Uraufführung ganz wunderbar luftig und leicht interpretiert und das Vokalwerk noch dreimal in anderen Konzerten (in Deutschland 2024 und in Kroatien 2025) wiederholt. Die Wertschätzung der Sängerinnen hat mich sehr begeistert und ich bin für ihr Engagement sehr dankbar.

2025 erhielt ich von Monika Medek, der Leiterin des Trios Clarivoce, eine Anfrage, ob ich nicht für eines ihrer Programme etwas komponieren möchte. Monika sandte mir bald ein paar Textvorschläge zu, und ich entschied mich dazu, drei Texte zum Programm „Frauen im Exil“ zu vertonen. So entstanden die Drei Lieder für Sopran, Klarinette in B und Klavier (2025): Stufen (Text: Hermynia Zur Mühlen), Die Straße (Text: Else Feldmann) und Die Flüchtlinge (Text: Ricarda Huch).

Die Uraufführung des Zyklus erfolgt auf Raten: Stufen wurde im März dieses Jahres uraufgeführt, Die Straße soll im November folgen, und Die Flüchtlinge wird wahrscheinlich im nächsten Jahr folgen. Ich würde mir wünschen, die drei Lieder einmal als einen zusammenhängenden Programmpunkt zu erleben, da ich die Lieder als Zyklus gedacht habe und es auch einige Verbindungen zwischen den einzelnen Liedern gibt. Es ist vor allem ein eher einfacher, schmuckloser Stil, der den Liedern Kohärenz gibt. Die musikalische Kargheit ist dabei als Symbol für die Entbehrungen, die jede Flucht mit sich bringt, gedacht.                            

Der Klarinettist des Trios, Helmut Wiener, spielte erstmals in einem Programm das Klarinettensolostück Begin at the beginning… (2025). Es ist die Adaption eines Flötensolostücks, das ich 2017 komponiert hatte, welches aber nie uraufgeführt wurde.

So hat das Solostück aber doch noch - auf Umwegen und in einem neuen Klangfarbengewand - seine klangliche Realisierung erfahren. Mit Interesse und großem Engagement hat Helmut das Werk interpretiert. Es ist für mich als Komponisten immer wichtig, wenn nicht sogar entscheidend, dass die Kommunikation mit der Interpretin oder dem Interpreten gut funktioniert. Das stärkt den Eindruck, als Musiker ernst genommen und wertgeschätzt zu werden.